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Automatisierung und Künstliche Intelligenz verändern Unternehmensrealitäten und Arbeitswelten – und schüren dabei viele Ängste. In seinem Vortrag auf der solutions.hamburg beschäftigt sich Karel Golta, Managing Director von Indeed Innovation, daher mit der Frage, wie wir angesichts dieser technischen Entwicklungen als Gesellschaft handlungsfähig bleiben können. Im Interview mit der mgm-Redaktion erläutert er bereits vorab, warum der Mensch einer der zentralen Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage ist.

mgm-Redaktion: Herr Golta, auf der Homepage Ihrer Firma Indeed Innovation steht der bemerkenswerte Satz: „Wir denken, die Zukunft ist zu wichtig, um sie Technokraten und Technologen zu überlassen.“ Wieso wird die Digitalisierung aus Ihrer Sicht in Deutschland noch zu häufig als rein technische Fragestellung gesehen?

Karel Golta: Das hat vor allem kulturelle Gründe: Die Deutschen sind im internationalen Vergleich sehr technologiefixiert. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass der Berufsstand der Ingenieure in Deutschland ein sehr hohes Ansehen genießt. Unseren Blick auf die Digitalisierung allein auf die technische Komponente des Wandels zu beschränken, ist aus meiner Sicht allerdings problematisch.

Das liegt zum einen daran, dass mit der digitalen Transformation eine gewisse Demokratisierung des Wissens stattfindet. Heutzutage muss man nicht mehr eine langjährige Karriere als Ingenieur eines Großkonzerns durchlaufen haben, um etwas Weltbewegendes zu entwickeln. Dies kann auch einem mexikanischen oder indischen Dorfjungen gelingen. Schließlich ist das hierfür nötige Wissen über Gratisplattformen wie YouTube überall auf der Welt verfügbar. Technisches Fachwissen allein ist somit kein Mehrwert mehr, der Deutschland in einem weltweiten Markt heraushebt.

Zum anderen tangieren technische Innovationen wie die Künstliche Intelligenz auch grundlegende menschliche Fähigkeiten und Bedürfnisse. Daher sollten wir im Hinblick auf derartige Entwicklungen nicht nur das technokratisch-unkritische Denken des „Immer höher und immer weiter“ verfolgen, sondern den Menschen in den Mittelpunkt rücken und uns immer die Frage stellen: „Wozu ist diese Technologie eigentlich da und wie bringt sie uns weiter?“ Wenn der Mensch auch weiterhin relevant sein soll, stellt diese Frage das entscheidende Kriterium dar.

mgm-Redaktion: Viele technische Innovationen wie die von Ihnen angesprochene KI sind in der Realität vieler Unternehmen schon längst angekommen und stellen die bisherige Arbeitswelt auf den Kopf. Welche Rolle wird der Mensch zukünftig in einem solchen Umfeld spielen?

Karel Golta: Dies lässt sich im Detail heute noch schlecht voraussagen, doch eines steht fest: Der Mensch wird die Rolle spielen, die wir ihm selbst beimessen. Wir haben es als Gesellschaft selbst in der Hand und können die Zukunft beeinflussen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Unternehmen: Anstatt die Entwicklung abzuwarten und die anderen machen zu lassen, sollten sie selbst tätig werden und den Wandel aktiv mitgestalten. Gerade die deutsche Unternehmenslandschaft mit ihrem breiten Mittelstand bietet für diese aktive Mitgestaltung beste Voraussetzungen.

Um die Transformation im Sinne des Menschen voranzutreiben, sind aus meiner Sicht zwei Komponenten ganz wichtig: Zum einen sollten sich Unternehmen bewusst werden, welche Möglichkeiten die Digitalisierung ihnen bietet. Auf diese Weise können sie langfristige Strategien entwerfen und verfallen nicht in einen Modus der Tippelschritte, der aufgrund seiner Planlosigkeit auch in der Belegschaft Ängste schüren könnte.

Entscheider sollten technische Innovationen nicht vorrangig als Möglichkeit sehen, den Menschen zu ersetzen.

Zum anderen sollten Unternehmensentscheider technische Innovationen nicht vorrangig als Möglichkeit sehen, den Menschen zu ersetzen. Stellen Sie sich beispielsweise eine Fabrik vor, in der heute noch 100 Mitarbeiter benötigt werden. Durch die Automatisierung von Arbeitsschritten – etwa weil ein paar neu entwickelte Roboter angeschafft wurden – hat das Unternehmen nun die Möglichkeit, die Zahl der Mitarbeiter auf 20 zu reduzieren. Die Firma könnte es sich nun einfach machen und die restlichen 80 Kollegen entlassen. Aber wäre es nicht auch aus geschäftlicher Sicht viel spannender, diese frei gewordenen Ressourcen zu nutzen, um etwas Neues zu schaffen? Die technische Entwicklung eröffnet somit die Chance, mit der vorhandenen Belegschaft neue Business Opportunities zu bespielen. Dies bedeutet für den Unternehmer aber natürlich, dass er die Menschen weiterhin mitnehmen und vielleicht auch umschulen muss.

mgm-Redaktion: Solche Veränderungen, wie Sie sie ansprechen, sind aufseiten der Mitarbeiter allerdings häufig mit Ängsten verbunden. Wie kann man als Unternehmensentscheider gegensteuern und seiner Belegschaft diese Sorgen nehmen?

Karel Golta: Hier ist die eben angesprochene langfristige Strategie von entscheidender Bedeutung. Wenn ich technische Innovationen nur dazu nutze, um die Zahl meiner Mitarbeiter sukzessive immer weiter nach unten zu drücken, schürt dies selbstverständlich Ängste. Dies heißt allerdings nicht, dass man nicht ehrlich eingestehen sollte, dass es Aufgaben gibt, die in absehbarer Zeit automatisiert werden. Dies muss aber nicht zwangsläufig eine schlechte Entwicklung sein. Schließlich handelt es sich bei diesen Aufgaben oftmals um äußerst stumpfsinnige Arbeiten. Um am Fließband immer wieder dieselbe Schraube festzuziehen, benötigt man keinen Menschen. Dies kann ein Roboter viel besser. Als Unternehmen sollte man sich daher die Frage stellen: „Wie bilde ich die Menschen in meinem Betrieb weiter, sodass sie in Zukunft relevantere und auch menschenwürdigere Aufgaben übernehmen können?“

Als Arbeitnehmer muss man sich bewusst sein, dass man künftig vielleicht Aufgaben übernehmen muss, mit denen man am Anfang des Berufslebens nicht unbedingt gerechnet hätte.

Dieser Prozess ist allerdings ein Geben und Nehmen. Auch das Mindset der Arbeitnehmer muss sich ein Stückweit wandeln. So muss man sich als Arbeitnehmer bewusst sein, dass man in Zukunft vielleicht Aufgaben übernehmen muss, mit denen man am Anfang des eigenen Berufslebens nicht unbedingt gerechnet hätte. Nur so kann man diese Veränderungen aktiv mitgestalten und verhindern, dass man als Treibholz im Meer des Lebens schaukelt. An diesem Punkt ist auch die Gesellschaft als Ganzes gefragt: Im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten, in denen man meist von der Ausbildung bis zum Ruhestand einem Berufsbild verhaftet war, werden Job- und Berufswechsel zukünftig immer häufiger werden. Wir müssen daher lernen, dass es nicht schlimm ist, wenn man nicht ein Leben lang dasselbe tut.

mgm-Redaktion: Kann Change Management eine Lösung sein, um den Mitarbeitern diesen Wandel näherzubringen?

Karel Golta: Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass dieser Wandel ein gigantischer Prozess ist. Um ihn zu bewältigen, müssen Unternehmen, Arbeitnehmer und Gesellschaft zusammenspielen. Losgelöst voneinander wird es nicht gelingen. Das sollte Unternehmen aber selbstverständlich nicht davon abhalten, für sich selbst anzufangen und mit der eigenen Belegschaft mit gutem Beispiel voranzugehen. Change Management ist hier ein sehr guter Ansatz, denn der Wandel muss gemanagt werden.

Zugleich sollte der Management-Aspekt aber auch nicht zu stark betont werden. Zum einen dürften Mitsprache und Mitgestaltung durch den steigenden Anteil der Millennials in den Belegschaften eine immer größere Rolle spielen. Zum anderen fördern starre Hierarchien und klar direktierte Arbeitsabläufe, die dem Menschen kaum Freiheiten lassen, gerade die Arbeits- und Verhaltensmuster, die sich wunderbar automatisieren lassen. Stattdessen sollten wir Arbeitsfelder schaffen, in denen Menschen ihre Kreativität einfließen lassen können. Denn in diesen Tätigkeiten wird der Mensch seine Kompetenzen auch weiterhin einbringen können.

mgm-Redaktion: Wird es angesichts der immer weiter voranschreitenden technischen Entwicklung denn auch in Zukunft noch genug Arbeit für alle Menschen geben?

Karel Golta: Natürlich kann man sich für die kommenden Jahrzehnte Dystopien überlegen, in denen der Einsatz von KI und Robotern zu einem Heer an Arbeitslosen führt. Diese Denkübungen helfen vielleicht dabei, mögliche Szenarien aufzustellen und theoretisch durchzuspielen, aber wir können die Zukunft nicht vorhersehen. Einigermaßen plausible Prognosen können wir allenfalls für die nächsten 5, 10 oder 15 Jahre aufstellen – und ich glaube nicht, dass wir innerhalb dieses Zeitraums ein Problem im Arbeitsmarkt bekommen werden. Die Arbeitsplätze werden sich lediglich weiterentwickeln. Einige Aufgaben werden durch die Automatisierung sicherlich wegfallen, doch gleichzeitig werden auch neue Arbeitsfelder entstehen. Schließlich müssen auch die Systeme, die bisherige Arbeitsprozesse automatisieren, entwickelt und gewartet werden. Da entsteht schnell ein riesiger Rattenschwanz an Supportfunktionen.

Angst muss eigentlich niemand haben. Sorgen muss sich nur derjenige machen, der sich nicht verändern möchte – aber das war schon immer so.

Angst muss also eigentlich niemand haben. Sorgen muss sich nur derjenige machen, der sich nicht verändern möchte – aber das war schon immer so. Veränderungen kann man nicht aufhalten. Man kann sein Schicksal lediglich selbst in die Hand nehmen und daran mitwirken, die Veränderung zu gestalten. Um dieses Bewusstsein zu schaffen und den Wandel zu begleiten, ist das Change Management sehr wichtig. Wer dagegen stehen bleibt und auf dem Status quo beharrt, wird von der Geschichte überfahren. Demjenigen ist dann auch nicht mehr zu helfen.

mgm-Redaktion: Am 12. September werden sie auf der solutions.hamburg einen Vortrag halten. Welche Kernbotschaft möchten Sie Ihren Zuhörern vermitteln?

Karel Golta: Ich würde den Besuchern gerne nahebringen, dass wir – jeder für sich, zusammen in einer Firma und gemeinsam als Gesellschaft – handlungsfähig bleiben müssen, um die Digitalisierung zu gestalten. Handlungsfähigkeit bedeutet für mich, dass wir auf die kommenden Herausforderungen reagieren können – und zwar aktiv und nicht passiv. Wir müssen weg von dieser Systemarchitektur der Arbeit, in der jeder genau weiß, wann er wo was zu tun hat – hin zu einer generalistischen Handlungsfähigkeit. Sie ist das Fundament, das dafür sorgt, dass wir nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn eine Veränderung vor der Tür steht, sondern sagen können: „Hey, das ist spannend. Ich freue mich darauf.“

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